Wann wird die Beckenschlinge angelegt?

Beckenschlinge

Diese Frage wird immer wieder heiß diskutiert. Bis heute finden sich verschiedene Angaben in Social Media, in der Google-Suche, aber auch wenn man eine Künstliche Intelligenz befragt. Ein Blick in die S3-Leitlinie hilft dabei, diese Frage zuverlässig zu beantworten.

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Was sagen die Leitlinien?

Die S3-Polytrauma-Leitlinie empfiehlt die Versorgung massiver Extremitätenblutungen vor allen anderen Maßnahmen. Alle anderen Blutungen werden bei der Behandlungspriorität C des XABCDE-Schemas behandelt. Blutungen an den Extremitäten sollen nach dem Stufenschema (manueller Druck, Druckverband, Tourniquet) behandelt werden. Alle anderen Blutungen sollen beim großen C, des ABCDE-Schemas behandelt werden. Dazu gehört auch die potenzielle Beckenblutung.

Ist das Becken keine kritische Blutung?

Die meisten Beckenringverletzungen sind unkompliziert und einfach zu behandeln. Wenn eine Beckenverletzung blutet, dann sollten frühzeitig Maßnahmen eingeleitet werden. Man geht davon aus, dass nur in 1-2% aller Fälle eine lebensbedrohliche Blutung besteht. Und nicht alle dieser Blutungen lassen sich mit einer Beckenschlinge therapieren.

[…] Inzwischen findet man auch im zivilen Rettungsdiensts Empfehlungen zur vorangestellten Kontrolle katastrophaler bzw. exsanguinierender Blutungen (cABCDE bzw. xABCDE [31, 35]). Diese Art Blutungen stammen typischerweise von Arterien der Extremitäten, können aber z.B. auch an der Kopfhaut oder junktional (an den Übergangszonen von Körperstamm zum Hals und den Extremitäten) auftreten [36]. Alle anderen Blutungen werden bei der Evaluation der Behandlungspriorität C (Circulation) im xABCDESchema adressiert. […]

S3-Leitlinie: Polytrauma/Schwerverletzten-Behandlung – AWMF Register-Nr.: 187-023, Seite 48 (1 Prähospitale Phase – 1.1 Stop the Bleed (STB) – Prähospital)

Alle anderen Blutungen werden bei der Evaluation der Behandlungspriorität C (Circulation) im xABCDESchema adressiert.

Soll eine Beckenschlinge angelegt werden?

Ja! Patienten mit klinischen Anhaltspunkten für eine Beckenringverletzung oder instabile Beckenringverletzung und hämodynamischer Instabilität sollten einen Beckenschlinge erhalten.

Und warum nicht beim kleinen c/X?

Das XABCDE-Schema / cABCE-Schema ist auf Basis von Prioritäten sortiert. Ohne Blut kein Sauerstofftransport, ohne Atemweg kein Gasaustausch, ohne Gasaustausch kein Sauerstoff, ohne Sauerstoff kein Kreislauf und ohne Kreislauf kein Gasaustausch an den Zellen.

Eine äußere Blutung kann eindeutig identifiziert werden und innerhalb von wenigen Sekunden effektiv gestoppt werden.

Aus diesem Grund steht die Versorgung direkt zugänglicher Durchblutungen am Anfang des cABCDE- bzw. XABCDE-Schemas.

Äußere Blutstillung vs. Beckenschlinge

Die Anlage der Beckenschlinge verlangt eine körperliche Untersuchung, eine Einschätzung des Kreislaufs und aufwendige Maßnahmen:

  • möglichst entkleiden
  • Innenrotation der Beine herstellen
  • Korrekte Anlage der Beckenschlinge
  • wahrscheinlich noch eine Analgesie

Dem gegenüber steht die schnelle Anlage des Druckverbands / Tourniquets. Die Sicherung von Atemweg, Beatmung und Kreislauf stehen hier also vor der Beckenschlinge. Beim Traumatischen Kreislaufstillstand soll die Beckenschlinge bei passender Klinik im Rahmen der reversiblen Ursachen angelegt werden.

Fallbeispiel: Sturz mit einem Elektroroller

An der Einsatzstelle trefft ihr auf eine Patientin, die mit ihrem E-Roller mit einem PKW zusammengestoßen ist gestürzt ist. Von der Kinematik ausgehend könnte eine Verletzung des Beckens vorliegen. Besonders prominent ist aber das Mittelgesichtstrauma. Die Patientin ist nicht ansprechbar und bei jedem Atemzug imponiert ein blubberndes, schnarchendes Atemgeräusch.

Es ist davon auszugehen, dass sie gerade eine Hypoxie erleidet. Die Sicherung des Atemweges, sowie Oxygenierung des Patienten hat Vorrang.

Zusammenfassung

Die S3-Polytrauma-Leitlinie bezieht klar Stellung, wann das Becken untersucht und behandelt werden sollte. Natürlich kann man Situationsabhängig davon abweichen, sofern es sinnvoll ist. Mit der Einführung des S-KIPS-Schemas, ändert sich der Stellenwerten der Beckenschlinge in der Trauma-Versorgung zusätzlich.

Unter dem kleinen c bzw. X werden äußere Blutungen behandelt. Das Becken wird erst beim großen C (oder konzeptabhängig im Rahmen der STU) untersucht und behandelt. Leider findet man im Internet viele fehlerhafte Darstellungen, die die Beckenschlinge fehlerhaft beim kleinen „c“ oder dem X adressieren.

Quelle:

Notfallmedizinisches Wissen

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